Es leuchtet der Asphalt
19.11.2011 • Das Straßennetz Kongos beschränkt sich meist auf üble Pisten. Aber an einigen Orten hält der Fortschritt Einzug: Wie eine befestigte Straße das Leben verändert.
Von Thomas Scheen, Kikwit
Von Thomas Scheen, Kikwit
Félicien Kangala zieht erschöpft an seiner Zigarette. Drei Wochen lang hat er seinen Geländelastwagen mit einer Ladung von 30 Tonnen Weizen über sandige Pisten und glitschige Waldpfade geprügelt, hat tagelang vor Schlammlöchern warten müssen, in denen die Konkurrenz bis über die mannshohen Reifen im Dreck steckte, und sich dabei von dem ernährt, was sich am Wegesrand bot: Maniok-Pflanzen, Buschratten und ab und an ein Stück gegrillter Python.
Félicien stammt aus Lubumbashi in der Provinz Katanga im Süden Kongos. Seit 35 Jahren befährt er die „Route Nationale 1“, die von Lubumbashi in die kongolesische Metropole Kinshasa führt, und seit 35 Jahren geht das nur mit einem Truck wie seinem: vier Achsen, Antrieb auf acht Rädern und ein bärenstarker Motor, der selbst einem Panzer Beine machen würde. „Mit einem anderen Camion brauchst du es gar nicht zu versuchen“, sagt Félicien und streichelt liebevoll über den ramponierten Stern am Kühler. Dabei ist die 2600 Kilometer lange Strecke von Lubumbashi nach Kinshasa Teil des Transafrica-Highways von Algier in Algerien nach Johannesburg in Südafrika. Nur leider so gut wie nicht zu befahren, weil sich das Straßennetz Kongos auf üble Pisten beschränkt, die seit der Unabhängigkeit des Landes von Belgien 1960 weder gewartet noch repariert wurden.
Félicien stammt aus Lubumbashi in der Provinz Katanga im Süden Kongos. Seit 35 Jahren befährt er die „Route Nationale 1“, die von Lubumbashi in die kongolesische Metropole Kinshasa führt, und seit 35 Jahren geht das nur mit einem Truck wie seinem: vier Achsen, Antrieb auf acht Rädern und ein bärenstarker Motor, der selbst einem Panzer Beine machen würde. „Mit einem anderen Camion brauchst du es gar nicht zu versuchen“, sagt Félicien und streichelt liebevoll über den ramponierten Stern am Kühler. Dabei ist die 2600 Kilometer lange Strecke von Lubumbashi nach Kinshasa Teil des Transafrica-Highways von Algier in Algerien nach Johannesburg in Südafrika. Nur leider so gut wie nicht zu befahren, weil sich das Straßennetz Kongos auf üble Pisten beschränkt, die seit der Unabhängigkeit des Landes von Belgien 1960 weder gewartet noch repariert wurden.
„Ab Kiwit fängt das angenehme Leben an“
Jetzt sitzt Félicien am Ufer des Kwilu-Flusses in Kikwit und sieht zu, wie ein paar junge Burschen den Schlamm von seinem Truck waschen. Denn ab Kikwit in der Provinz Bandundu, so sagt er, „fängt das angenehme Leben an“. Hier beginnt die frisch reparierte Straße von Kikwit in die Hauptstadt Kinshasa: 560 Kilometer lang, sauber asphaltiert und nagelneu. Von der Europäischen Union und der Weltbank finanziert und von einem chinesischen Konzern in Rekordzeit gebaut, ist sie das Vorzeigeprojekt des neuen Kongo; ein Teer gewordener Beweis, dass der Fortschritt Einzug gehalten hat im „Herz der Finsternis“.
Als Joseph Kabila vor fünf Jahren bei der ersten freien Wahl in der Geschichte Kongos zum Präsidenten wurde, waren die Erwartungen der Bevölkerung groß. Alles sollte besser werden. Kabila hatte dem rohstoffreichen, aber bettelarmen Land pflichtschuldig eine Rundumerneuerung versprochen: die nicht existierenden Straßen, die zusammengebrochene Wasserversorgung, die maroden Stromleitungen, die defekten Kraftwerke und die demolierten Schulen, all das sollte bald der Vergangenheit angehören. Viele dieser Versprechungen existieren nach wie vor nur auf dem Papier, weshalb sich Kabila bei der Ende des Monats stattfindenden Wahl gleich zehn Konkurrenten erwehren muss, die ihm unisono vorwerfen, die vergangenen fünf Jahre geschlafen zu haben. Wunderbare Einkaufswelt: In Kikwit kann man nun mehr kaufen als früher.
Doch da gibt es Orte wie Kikwit, in denen die neue Zeit tatsächlich begonnen hat. Die Stadt in der Provinz Bandundu ist traditionell ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Hier laufen die Verbindungen aus dem rohstoffreichen Süden und aus Angola im Westen zusammen. Händler aus Thsikapa versorgen die Märkte der Stadt mit Schmuggelware aus Angola, die umgehend nach Kinshasa verkauft wird. Selbst die Diamantenstadt Mbuji-Mayi ist dank der neuen Straße nur noch fünf Tagesreisen von der Metropole Kinshasa entfernt, statt wie zuvor mindestens zwei Wochen. Früher dauerte die Reise von Kikwit nach Kinshasa bis zu einer Woche, heute fährt ein Lastwagen die Strecke in einem Tag. Früher mussten die Reisenden auf Flugzeuge ausweichen, wenn sie in die Hauptstadt wollten. Ein Ticket kostete 250 Dollar. Heute fahren sie mit dem Bus für 15 Dollar, und der Flughafen der Stadt ist verwaist.
Am Kwilu, der träge die Stadt durchfließt, stauen sich jeden Tag Hunderte von Lastwagen, die auf Ladung für Kinshasa warten. Seit Kikwit wieder an die Zivilisation angebunden ist, kann Kinshasa gar nicht genug Lebensmittel aus dem fruchtbaren Bandundu bekommen. Palmöl, Kartoffeln, Mais, Maniok, Bohnen, Früchte: Den Bauern wird ihre Ware buchstäblich aus den Händen gerissen, was der Landbevölkerung rund um die Stadt plötzlich ein Einkommen beschert, von dem sie im vergangenen Jahr nicht einmal zu träumen wagte. Überall in der Stadt entstehen neue Läden. Es gibt Frisörsalons, für die vor einem Jahr noch kein Mensch Geld hatte. Es gibt Gebrauchtwagenhändler, weil ein Auto zu besitzen wieder Sinn ergibt. Das Brot, das auf dem Markt verkauft wird, ist knusperfrisch, weil der Lastwagen der Bäckerei jeden Morgen Nachschub aus Kinshasa liefert. Kikwit platzt aus allen Nähten.
Cyrille Kiyunju ist der Bürgermeister der Stadt und am Rande der Verzweiflung. Der klein gewachsene Mann mit dem rasierten Schädel rudert wild mit den Armen, um dem Ausmaß seiner Probleme die entsprechende Bedeutung zu verleihen. Die Stadt boomt, doch es gibt keine Wasseranschlüsse. Die Handelsströme fließen, doch es gibt keinen Strom für ein Kühlhaus. Sicher: Achtzig Kilometer entfernt ist ein Unternehmen aus Indien dabei, ein Wasserkraftwerk mit einer Nennleistung von 9,3 Megawatt zu errichten. Die Anlage wird aber frühestens Ende 2013 fertiggestellt sein. Bis dahin muss Strom mit Dieselgeneratoren erzeugt werden, was angesichts der Treibstoffpreise in Kongo ein teures Vergnügen ist. Die Menschen in Kikwit haben dank des blühenden Handels plötzlich Geld, doch bislang hat keine der Banken aus Kinshasa eine Filiale eröffnet. Und die schlammigen Pfade der Stadt, die sich Straßen nennen, müssten ebenfalls dringend geteert werden. „Ich habe Tausende von Ideen, aber kein Geld, sie zu realisieren“, behauptet der Bürgermeister. Warum? „Weil Kinshasa uns ausplündert, darum!“ Kikwit leidet an der Zentralisierung des Landes. Jede noch so kleine Steuereinnahme muss der Bürgermeister in die Hauptstadt abführen - die für die Marktstände, die für die Parkflächen der Lastwagen und selbst die Einnahmen aus der Vermietung städtischen Eigentums. „Alles, was ich im Gegenzug bekomme, sind Forderungen nach noch mehr Geld“, brummelt er. Nicht einmal für seine Arbeit als Bürgermeister wird er bezahlt.
Dabei stammt der Ministerpräsident der gegenwärtigen Regierung, Adolphe Muzito, aus Kikwit, was Gewähr genug sein müsste, der Stadt am Kwilu das Wohlwollen der Mächtigen in Kinshasa zu sichern. Doch das Gegenteil ist der Fall. Muzito baut in seiner Heimatstadt gerade ein Hotel und daneben eine pompöse Privatresidenz. Nicht nur der Bürgermeister fragt sich, wie der Mann in so kurzer Zeit so viel Geld anhäufen konnte. „Die kongolesische Krankheit“, nennt Cyrille Kiyunju das und zuckt mit den Schultern: „So viel klauen, wie nur eben geht.“ Weil das so ist, bewerben sich bei den kommenden Wahlen knapp 19000 Kandidaten auf die 500 Sitze in der kongolesischen Nationalversammlung. Denn in Kongo gilt nach wie vor der Satz, dass nirgendwo anders als in der Politik so viel Geld in so wenig Zeit zu verdienen ist. „Alles Diebe“, sagt Kiyunju.
Ginge es nach ihm, würde der ganze Politapparat kurzerhand abgeschafft. „Was bringt uns denn diese ,démocratie à la Louis Michel‘?“, fragt er in Anspielung auf den aus Belgien stammenden ehemaligen EU-Kommissar für Entwicklung, der maßgeblichen Einfluss auf die Gestaltung der neuen kongolesischen Verfassung hatte. Die hat es tatsächlich in sich: Da gibt es einen Präsidenten, der von einem Senat und einem Parlament kontrolliert wird. Daneben gibt es Provinzräte mit einem Gouverneur. Darunter Gemeinderäte mit einem Bürgermeister. Kurzum: Es ist ein aufgeblasener politischer Betrieb, den sich vielleicht hochentwickelte Industriestaaten leisten können, nicht aber ein Land wie Kongo, dessen Steueraufkommen bei gerade einmal drei Milliarden Dollar im Jahr liegt und das wirklich andere Sorgen haben sollte, als sich mit Parlamentariern um deren Bezüge zu streiten. Allein das Budget für die Nationalversammlung liegt bei 200 Millionen Dollar und entspricht damit dem des Gesundheitswesens für das gesamte Land.
Als Joseph Kabila vor fünf Jahren bei der ersten freien Wahl in der Geschichte Kongos zum Präsidenten wurde, waren die Erwartungen der Bevölkerung groß. Alles sollte besser werden. Kabila hatte dem rohstoffreichen, aber bettelarmen Land pflichtschuldig eine Rundumerneuerung versprochen: die nicht existierenden Straßen, die zusammengebrochene Wasserversorgung, die maroden Stromleitungen, die defekten Kraftwerke und die demolierten Schulen, all das sollte bald der Vergangenheit angehören. Viele dieser Versprechungen existieren nach wie vor nur auf dem Papier, weshalb sich Kabila bei der Ende des Monats stattfindenden Wahl gleich zehn Konkurrenten erwehren muss, die ihm unisono vorwerfen, die vergangenen fünf Jahre geschlafen zu haben. Wunderbare Einkaufswelt: In Kikwit kann man nun mehr kaufen als früher.
Doch da gibt es Orte wie Kikwit, in denen die neue Zeit tatsächlich begonnen hat. Die Stadt in der Provinz Bandundu ist traditionell ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Hier laufen die Verbindungen aus dem rohstoffreichen Süden und aus Angola im Westen zusammen. Händler aus Thsikapa versorgen die Märkte der Stadt mit Schmuggelware aus Angola, die umgehend nach Kinshasa verkauft wird. Selbst die Diamantenstadt Mbuji-Mayi ist dank der neuen Straße nur noch fünf Tagesreisen von der Metropole Kinshasa entfernt, statt wie zuvor mindestens zwei Wochen. Früher dauerte die Reise von Kikwit nach Kinshasa bis zu einer Woche, heute fährt ein Lastwagen die Strecke in einem Tag. Früher mussten die Reisenden auf Flugzeuge ausweichen, wenn sie in die Hauptstadt wollten. Ein Ticket kostete 250 Dollar. Heute fahren sie mit dem Bus für 15 Dollar, und der Flughafen der Stadt ist verwaist.
Am Kwilu, der träge die Stadt durchfließt, stauen sich jeden Tag Hunderte von Lastwagen, die auf Ladung für Kinshasa warten. Seit Kikwit wieder an die Zivilisation angebunden ist, kann Kinshasa gar nicht genug Lebensmittel aus dem fruchtbaren Bandundu bekommen. Palmöl, Kartoffeln, Mais, Maniok, Bohnen, Früchte: Den Bauern wird ihre Ware buchstäblich aus den Händen gerissen, was der Landbevölkerung rund um die Stadt plötzlich ein Einkommen beschert, von dem sie im vergangenen Jahr nicht einmal zu träumen wagte. Überall in der Stadt entstehen neue Läden. Es gibt Frisörsalons, für die vor einem Jahr noch kein Mensch Geld hatte. Es gibt Gebrauchtwagenhändler, weil ein Auto zu besitzen wieder Sinn ergibt. Das Brot, das auf dem Markt verkauft wird, ist knusperfrisch, weil der Lastwagen der Bäckerei jeden Morgen Nachschub aus Kinshasa liefert. Kikwit platzt aus allen Nähten.
Cyrille Kiyunju ist der Bürgermeister der Stadt und am Rande der Verzweiflung. Der klein gewachsene Mann mit dem rasierten Schädel rudert wild mit den Armen, um dem Ausmaß seiner Probleme die entsprechende Bedeutung zu verleihen. Die Stadt boomt, doch es gibt keine Wasseranschlüsse. Die Handelsströme fließen, doch es gibt keinen Strom für ein Kühlhaus. Sicher: Achtzig Kilometer entfernt ist ein Unternehmen aus Indien dabei, ein Wasserkraftwerk mit einer Nennleistung von 9,3 Megawatt zu errichten. Die Anlage wird aber frühestens Ende 2013 fertiggestellt sein. Bis dahin muss Strom mit Dieselgeneratoren erzeugt werden, was angesichts der Treibstoffpreise in Kongo ein teures Vergnügen ist. Die Menschen in Kikwit haben dank des blühenden Handels plötzlich Geld, doch bislang hat keine der Banken aus Kinshasa eine Filiale eröffnet. Und die schlammigen Pfade der Stadt, die sich Straßen nennen, müssten ebenfalls dringend geteert werden. „Ich habe Tausende von Ideen, aber kein Geld, sie zu realisieren“, behauptet der Bürgermeister. Warum? „Weil Kinshasa uns ausplündert, darum!“ Kikwit leidet an der Zentralisierung des Landes. Jede noch so kleine Steuereinnahme muss der Bürgermeister in die Hauptstadt abführen - die für die Marktstände, die für die Parkflächen der Lastwagen und selbst die Einnahmen aus der Vermietung städtischen Eigentums. „Alles, was ich im Gegenzug bekomme, sind Forderungen nach noch mehr Geld“, brummelt er. Nicht einmal für seine Arbeit als Bürgermeister wird er bezahlt.
Dabei stammt der Ministerpräsident der gegenwärtigen Regierung, Adolphe Muzito, aus Kikwit, was Gewähr genug sein müsste, der Stadt am Kwilu das Wohlwollen der Mächtigen in Kinshasa zu sichern. Doch das Gegenteil ist der Fall. Muzito baut in seiner Heimatstadt gerade ein Hotel und daneben eine pompöse Privatresidenz. Nicht nur der Bürgermeister fragt sich, wie der Mann in so kurzer Zeit so viel Geld anhäufen konnte. „Die kongolesische Krankheit“, nennt Cyrille Kiyunju das und zuckt mit den Schultern: „So viel klauen, wie nur eben geht.“ Weil das so ist, bewerben sich bei den kommenden Wahlen knapp 19000 Kandidaten auf die 500 Sitze in der kongolesischen Nationalversammlung. Denn in Kongo gilt nach wie vor der Satz, dass nirgendwo anders als in der Politik so viel Geld in so wenig Zeit zu verdienen ist. „Alles Diebe“, sagt Kiyunju.
Ginge es nach ihm, würde der ganze Politapparat kurzerhand abgeschafft. „Was bringt uns denn diese ,démocratie à la Louis Michel‘?“, fragt er in Anspielung auf den aus Belgien stammenden ehemaligen EU-Kommissar für Entwicklung, der maßgeblichen Einfluss auf die Gestaltung der neuen kongolesischen Verfassung hatte. Die hat es tatsächlich in sich: Da gibt es einen Präsidenten, der von einem Senat und einem Parlament kontrolliert wird. Daneben gibt es Provinzräte mit einem Gouverneur. Darunter Gemeinderäte mit einem Bürgermeister. Kurzum: Es ist ein aufgeblasener politischer Betrieb, den sich vielleicht hochentwickelte Industriestaaten leisten können, nicht aber ein Land wie Kongo, dessen Steueraufkommen bei gerade einmal drei Milliarden Dollar im Jahr liegt und das wirklich andere Sorgen haben sollte, als sich mit Parlamentariern um deren Bezüge zu streiten. Allein das Budget für die Nationalversammlung liegt bei 200 Millionen Dollar und entspricht damit dem des Gesundheitswesens für das gesamte Land.
„Nicht alles unter Mobutu war schlecht“
„Da sitzen Leute, die nichts können, nichts wissen und sich nur für sich selbst interessieren“, schimpft Kiyunju, der des Feilschens mit dem Gouverneur und mit Kinshasa um Geld für Teerstraßen und erschwingliche Wasseranschlüsse langsam überdrüssig ist. „Wissen Sie: Man darf es ja nicht laut sagen, aber nicht alles unter Mobutu war schlecht“, sagt er. Wie bitte, der alte Diktator als Vorbild für das neue Kongo? „Na ja, so ein kleines bisschen Angst vor einer Strafversetzung in den hintersten Urwald bringt doch jeden Staatsdiener auf Trab, pas vrai?“, grinst der Bürgermeister und haut sich vor Vergnügen auf die Schenkel. „Aber das geht natürlich nicht, denn sonst schimpft ihr Weißnasen Kabila einen neuen Diktator.“ Aus Kiyunjus Stimme klingt Bedauern.
Félicien Kangala lauscht amüsiert den Erzählungen des Fremden vom Besuch beim Bürgermeister. Es ist längst Abend geworden, und der Fernfahrer sitzt bei einem kühlen Bier in einer der Kneipen nahe dem Hafen von Kikwit. „Echt, der sehnt sich nach Mobutu zurück?“, will er wissen. „Der spinnt doch.“ Félicien sagt, er verstehe nicht viel von Politik, aber dass Kabila ernsthaft am Wiederaufbau des Landes arbeite, sei doch wohl offensichtlich. „Ich mag den Mann“, befindet er kurz und knapp.
Am folgenden Tag wird Félicien in Kinshasa neue Ladung für Lubumbashi aufnehmen. 30 Tonnen Gebrauchsgüter, die er über Stock und Stein, durch weichen Sand und tiefe Schlammlöcher schaukeln wird, wie er das seit 35 Jahren macht. Dabei hat in Kongo gerade die Regenzeit begonnen, was bedeutet, dass die 2600 Kilometer lange Fahrt in die Hauptstadt der Provinz Katanga irgendetwas zwischen vier Wochen und drei Monaten dauern wird. „Wird schon klappen“, sagt er zum Abschied und meint damit nicht nur seine haarsträubende Tour, sondern auch den langsamen, aber stetigen Wiederaufbau des Landes. Noch zwei Jahre, so prophezeit er, dann werde eine neue Straße von Kinshasa über Kikwit, Tshikapa, Mbuji-Mayi, Kamina und Lubumbashi bis an die sambische Grenze führen. Dann werde Kongo als das dunkle Loch in Afrika, durch das kein Weg hindurchführt, endgültig Geschichte sein. Félicien freut sich darauf.
Félicien Kangala lauscht amüsiert den Erzählungen des Fremden vom Besuch beim Bürgermeister. Es ist längst Abend geworden, und der Fernfahrer sitzt bei einem kühlen Bier in einer der Kneipen nahe dem Hafen von Kikwit. „Echt, der sehnt sich nach Mobutu zurück?“, will er wissen. „Der spinnt doch.“ Félicien sagt, er verstehe nicht viel von Politik, aber dass Kabila ernsthaft am Wiederaufbau des Landes arbeite, sei doch wohl offensichtlich. „Ich mag den Mann“, befindet er kurz und knapp.
Am folgenden Tag wird Félicien in Kinshasa neue Ladung für Lubumbashi aufnehmen. 30 Tonnen Gebrauchsgüter, die er über Stock und Stein, durch weichen Sand und tiefe Schlammlöcher schaukeln wird, wie er das seit 35 Jahren macht. Dabei hat in Kongo gerade die Regenzeit begonnen, was bedeutet, dass die 2600 Kilometer lange Fahrt in die Hauptstadt der Provinz Katanga irgendetwas zwischen vier Wochen und drei Monaten dauern wird. „Wird schon klappen“, sagt er zum Abschied und meint damit nicht nur seine haarsträubende Tour, sondern auch den langsamen, aber stetigen Wiederaufbau des Landes. Noch zwei Jahre, so prophezeit er, dann werde eine neue Straße von Kinshasa über Kikwit, Tshikapa, Mbuji-Mayi, Kamina und Lubumbashi bis an die sambische Grenze führen. Dann werde Kongo als das dunkle Loch in Afrika, durch das kein Weg hindurchführt, endgültig Geschichte sein. Félicien freut sich darauf.
Wahlen in Kongo Tausende Kandidaten für ein Millionengeschäft
22.11.2011 • Präsident Kabila hat viel unternommen, damit er Präsident von Kongo bleiben kann. Er ließ die Verfassung ändern, behinderte die Opposition und kaufte sich loyale Helfer. Die Gegner rufen zur Gewalt auf. Oder sie lassen Zähne ziehen.
Von Thomas Scheen, Kinshasa
Die Wahlen im Kongo werden von Aufrufen zur Gewalt begleitet. Das Bild zeigt ein demoliertes Wahlplakat des amtierenden Präsidenten Joseph Kabila. La Chine populaire“ macht ihrem Namen alle Ehre. Nirgends sonst in Kinshasa ballen sich so viele Menschen auf so wenig Raum, wie in dem Stadtteil, der das bevölkerungsreichste Land der Erde deshalb im Namen führt. Nirgends sonst in der kongolesischen Hauptstadt sind zugleich die Straßen schmutziger, das Gedränge dichter und das Geschrei der fliegenden Händler lauter.
Und nirgendwo sonst in der Großstadt am Fluss leben so viele Wahlberechtigte, weshalb der Stadtteil unter einer Art Sonnensegel zu verschwinden scheint: Tausende Werbebanderolen flattern im Wind, auf denen ebenso viele Parlamentskandidaten um Stimmen werben.
Weil das noch nicht reicht, verfallen einige Kandidaten auf ungewöhnliche Ideen, um auf sich aufmerksam zu machen. So rumpeln bunt beklebte Pritschenwagen durch die schlammigen Straßen, auf denen sich leicht bekleidete junge Damen zu irrsinnig lauter Musik verrenken. Ein Bewerber lässt sogar kostenlos faule Zähne ziehen, um Wähler von sich zu überzeugen - unter freiem Himmel, versteht sich. Es ist Wahlzeit in Kongo, und das ist angesichts der Geschichte des Landes an sich schon bemerkenswert. Wenn alles gut geht, wählt Kongo-Kinshasa am 28. November einen neuen Präsidenten, einen neuen Senat und ein neues Abgeordnetenhaus. Es sind nach 2006 erst die zweiten demokratischen Wahlen seit der Unabhängigkeit des Landes von Belgien im Jahr 1960. Es gibt inzwischen rund 500 zugelassene Parteien, auch wenn viele nur Ein-Mann-Betriebe sind.
Von Thomas Scheen, Kinshasa
Die Wahlen im Kongo werden von Aufrufen zur Gewalt begleitet. Das Bild zeigt ein demoliertes Wahlplakat des amtierenden Präsidenten Joseph Kabila. La Chine populaire“ macht ihrem Namen alle Ehre. Nirgends sonst in Kinshasa ballen sich so viele Menschen auf so wenig Raum, wie in dem Stadtteil, der das bevölkerungsreichste Land der Erde deshalb im Namen führt. Nirgends sonst in der kongolesischen Hauptstadt sind zugleich die Straßen schmutziger, das Gedränge dichter und das Geschrei der fliegenden Händler lauter.
Und nirgendwo sonst in der Großstadt am Fluss leben so viele Wahlberechtigte, weshalb der Stadtteil unter einer Art Sonnensegel zu verschwinden scheint: Tausende Werbebanderolen flattern im Wind, auf denen ebenso viele Parlamentskandidaten um Stimmen werben.
Weil das noch nicht reicht, verfallen einige Kandidaten auf ungewöhnliche Ideen, um auf sich aufmerksam zu machen. So rumpeln bunt beklebte Pritschenwagen durch die schlammigen Straßen, auf denen sich leicht bekleidete junge Damen zu irrsinnig lauter Musik verrenken. Ein Bewerber lässt sogar kostenlos faule Zähne ziehen, um Wähler von sich zu überzeugen - unter freiem Himmel, versteht sich. Es ist Wahlzeit in Kongo, und das ist angesichts der Geschichte des Landes an sich schon bemerkenswert. Wenn alles gut geht, wählt Kongo-Kinshasa am 28. November einen neuen Präsidenten, einen neuen Senat und ein neues Abgeordnetenhaus. Es sind nach 2006 erst die zweiten demokratischen Wahlen seit der Unabhängigkeit des Landes von Belgien im Jahr 1960. Es gibt inzwischen rund 500 zugelassene Parteien, auch wenn viele nur Ein-Mann-Betriebe sind.
Man kann sehr reich werden in der kongolesischen Politik
Um die 500 Sitze im Parlament konkurrieren 19000 Kandidaten. In einigen Wahlbezirken von Kinshasa stellen sich 1500 Bewerber für fünf Parlamentssitze zur Wahl. Es hat sich wohl herumgesprochen, dass man sehr schnell sehr reich werden kann in der kongolesischen Politik. Um das Amt von Präsident Joseph Kabila bewerben sich immerhin zehn weitere Kongolesen - aber dem Amtsinhaber werden die besten Siegchancen zugebilligt. Die Wahlzettel sind wegen der vielen Kandidaten eher Bücher und mussten auf 62000 Wahlbüros in einem Land verteilt werden, das zwar so groß wie Westeuropa ist, aber nur über wenige Straßen verfügt. In 48 Frachtflugzeugen kommen die rund 180000 Urnen aus China ins Land. Die UN-Unterstützungsmission in Kongo (Monusco) organisiert den Weitertransport ins Landesinnere und hat dafür 30 zusätzliche Hubschrauber erhalten.
Präsident Joseph Kabila ist Favorit bei den anstehenden Wahlen.
Dennoch ist knapp eine Woche vor der Wahl nicht sicher, ob alles bis zum Wahltermin am nächsten Montag klappt. 350 Millionen Dollar wird die Sache laut der „Unabhängigen kongolesischen Wahlkommission“ (Céni) kosten, und im Gegensatz zu 2006 bringt nicht die internationale Gemeinschaft die Summe auf, sondern die kongolesische Regierung den größten Teil. Gegen eine Wahlverschiebung wehrt sich Präsident Kabila. Er glaubt, der Zeitpunkt für einen haushohen Sieg sei nie besser gewesen als jetzt. Doch wer sich dieser Tage umhört in Kinshasa, der Metropole am Fluss, wird kaum eine Antwort auf die Frage erhalten, ob Kabila wirklich der Favorit sei. Allerorten wird die Stärke der „Union für die Demokratie und den sozialen Fortschritt“ (UDPS) von Etienne Tshisekedi heraufbeschworen. 2006 hatte der die Wahl boykottiert, weil ihm das Procedere nicht gefiel.
Präsident Joseph Kabila ist Favorit bei den anstehenden Wahlen.
Dennoch ist knapp eine Woche vor der Wahl nicht sicher, ob alles bis zum Wahltermin am nächsten Montag klappt. 350 Millionen Dollar wird die Sache laut der „Unabhängigen kongolesischen Wahlkommission“ (Céni) kosten, und im Gegensatz zu 2006 bringt nicht die internationale Gemeinschaft die Summe auf, sondern die kongolesische Regierung den größten Teil. Gegen eine Wahlverschiebung wehrt sich Präsident Kabila. Er glaubt, der Zeitpunkt für einen haushohen Sieg sei nie besser gewesen als jetzt. Doch wer sich dieser Tage umhört in Kinshasa, der Metropole am Fluss, wird kaum eine Antwort auf die Frage erhalten, ob Kabila wirklich der Favorit sei. Allerorten wird die Stärke der „Union für die Demokratie und den sozialen Fortschritt“ (UDPS) von Etienne Tshisekedi heraufbeschworen. 2006 hatte der die Wahl boykottiert, weil ihm das Procedere nicht gefiel.
Ehemaliger Ministerpräsident ruft zu Gewalt auf
Dieses Mal jedoch ist der einstige Ministerpräsident des Diktators Mobutu mit von der Partei - obwohl er 78 Jahre alt und angeblich nicht mehr bei bester Gesundheit ist. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass Tshisekedi zur Gewalt aufruft. Der friedliche Anfang des Wahlkampfs ist wie vergessen. Mal fordert Tshisekedi seine Anhänger auf, das Zentralgefängnis in Kinshasa zu stürmen, um inhaftiere Gesinnungsgenossen zu befreien, die nach einem Angriff mit Brandsätzen auf das Gebäude der Céni festgesetzt worden waren. Dann wieder droht er, aus Kongo ein „zweites Libyen“ zu machen. Unlängst rief sich Tshisekedi aus seinem südafrikanischen Domizil heraus selbst zum Präsidenten aus und erklärte bei gleicher Gelegenheit die Wahlen für überflüssig. Jetzt fragen sich auch Wohlgesinnte, ob der Mann noch bei Trost ist. Dass ein der UDPS nahestehender Fernsehsender, der Tshisekedis Tiraden verbreitete, wegen „Verbreitung von Gewaltparolen“ die Lizenz verlor, scheint außer den Parteimitgliedern kein Mensch in Kongo zu bedauern.
Etienne Tshisekedi war unter dem Diktator Mobutu Ministerpräsident des Landes. Der 78 Jahre alte Politveteran ruft beinahe täglich zur Gewalt auf. Neben Tshisekedi wollen Senatspräsident Léon Kengo und der ehemalige Präsident des Abgeordnetenhauses, Vital Kamerhe, die Nachfolge Kabilas antreten. Kengo aber hat einen polnischen Vater und verfügt nicht über eine ethnische Basis, die ihm Stimmen verschaffen könnte. Kamerhe immerhin kann auf seine Leute in Süd-Kivu in Ostkongo zählen. Doch seine Bekanntheit verdankt er vor allem seiner Zusammenarbeit mit Kabila. Gerade im rebellischen Osten des Landes bietet das keine Gewähr für hohe Beliebtheit. Kabilas Herausforderer von 2006, Jean-Pierre Bemba, sitzt derweil beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen des Verdachts auf Verbrechen gegen die Menschlichkeit auf der Anklagebank. Ohne ihn fehlt seiner Kongolesischen Befreiungsbewegung (MLC) Konzept und Führung.
Etienne Tshisekedi war unter dem Diktator Mobutu Ministerpräsident des Landes. Der 78 Jahre alte Politveteran ruft beinahe täglich zur Gewalt auf. Neben Tshisekedi wollen Senatspräsident Léon Kengo und der ehemalige Präsident des Abgeordnetenhauses, Vital Kamerhe, die Nachfolge Kabilas antreten. Kengo aber hat einen polnischen Vater und verfügt nicht über eine ethnische Basis, die ihm Stimmen verschaffen könnte. Kamerhe immerhin kann auf seine Leute in Süd-Kivu in Ostkongo zählen. Doch seine Bekanntheit verdankt er vor allem seiner Zusammenarbeit mit Kabila. Gerade im rebellischen Osten des Landes bietet das keine Gewähr für hohe Beliebtheit. Kabilas Herausforderer von 2006, Jean-Pierre Bemba, sitzt derweil beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen des Verdachts auf Verbrechen gegen die Menschlichkeit auf der Anklagebank. Ohne ihn fehlt seiner Kongolesischen Befreiungsbewegung (MLC) Konzept und Führung.
Vorsichtshalber hat Kabila das Wahlrecht ändern lassen
Das alles spielt Kabila in die Hände, der ohnehin seit seiner Machtergreifung vor zehn Jahren davon lebt, ständig unterschätzt zu werden. Vorsichtshalber hat Kabila das Wahlrecht ändern lassen. Jetzt genügt eine einfache Mehrheit, um Präsident zu werden. Zudem hat er die Verfassung so ändern lassen, dass der Präsident die Provinzgouverneure absetzen kann. Nun machen die Gouverneure aus Eigeninteresse in ihren Sprengeln Stimmung für Kabila. Zudem hat der sich die Zustimmung vieler traditioneller Führer buchstäblich erkauft. Dass seine Parteifreunde bei den wenigen kongolesischen Fluggesellschaften Sitze en gros reserviert haben, um den Wahlkampf der Konkurrenz im Landesinneren zu unterbinden, fällt da schon gar nicht mehr auf. Das Regierungslager hat obendrein ungezählte Parteien gründen lassen.
Und der Präsident der Nationalen Wahlkommission gehört gleichsam zur Familie: Daniel Ngoy Mulunda war es, der unter Laurent-Désiré Kabila, dem Vater des Präsidenten, den Mai-Mai-Milizen Waffen für ihren Kampf gegen die ruandischen Truppen lieferte, und als das Schießgerät wieder eingesammelt werden sollte, kümmerte sich Mulunda auch darum. Kein anderer wusste ja, wie viele Waffen wohin geliefert worden waren. Ob Kabila diese Tricks wirklich nötig hat, muss sich zeigen. Beliebt ist er nicht, aber einiges hat sich dann doch unter seiner Ägide in den vergangenen fünf Jahren getan in Kongo. In Kinshasa beispielsweise, das immerhin 56 Abgeordnete stellt, werden allenthalben die Straßen erneuert. Und es gibt inzwischen eine rund 600 Kilometer lange geteerte Straße nach Kikwit in der Provinz Bandundu, über die Kinshasa mit frischen Lebensmitteln versorgt wird. Im Osten des Landes ist die Straßenverbindung von Kisangani nach Beni wiederhergestellt, in der Nähe von Kikwit entsteht ein Wasserkraftwerk und an der Grenze der beiden Provinzen Kasaï-Oriental und Bandundu wächst die mit mehr als 400 Meter Länge zweitgrößte Brücke des Landes über den Loange.
Und der Präsident der Nationalen Wahlkommission gehört gleichsam zur Familie: Daniel Ngoy Mulunda war es, der unter Laurent-Désiré Kabila, dem Vater des Präsidenten, den Mai-Mai-Milizen Waffen für ihren Kampf gegen die ruandischen Truppen lieferte, und als das Schießgerät wieder eingesammelt werden sollte, kümmerte sich Mulunda auch darum. Kein anderer wusste ja, wie viele Waffen wohin geliefert worden waren. Ob Kabila diese Tricks wirklich nötig hat, muss sich zeigen. Beliebt ist er nicht, aber einiges hat sich dann doch unter seiner Ägide in den vergangenen fünf Jahren getan in Kongo. In Kinshasa beispielsweise, das immerhin 56 Abgeordnete stellt, werden allenthalben die Straßen erneuert. Und es gibt inzwischen eine rund 600 Kilometer lange geteerte Straße nach Kikwit in der Provinz Bandundu, über die Kinshasa mit frischen Lebensmitteln versorgt wird. Im Osten des Landes ist die Straßenverbindung von Kisangani nach Beni wiederhergestellt, in der Nähe von Kikwit entsteht ein Wasserkraftwerk und an der Grenze der beiden Provinzen Kasaï-Oriental und Bandundu wächst die mit mehr als 400 Meter Länge zweitgrößte Brücke des Landes über den Loange.
Staat verliert Milliarden durch Korruption
Doch die Verbesserung der Infrastruktur hat bislang kaum die Lebensbedingungen der Menschen verbessert, was Kabila vorgeworfen wird. Tatsächlich könnte die Reparatur des Landes zügiger verlaufen, wenn die Clique um den Präsidenten nicht klauen würde, als gäbe es kein Morgen. Im Präsidentenpalast hat sich eine regelrechte Parallelregierung etabliert, deren Mitglieder freihändig unter anderem über die Vergabe von Bergbaukonzessionen entscheiden.
Nach einem in dieser Woche vorgelegten Bericht des britischen Parlaments hat Kongo bislang rund 5,5 Milliarden Dollar an Einnahmen verloren, weil die Führungsclique des Landes gegen Schmiergeld die wertvollen Bergbaukonzessionen verschleudert hat. Das setzt sich bis ins Kleine fort: Es ist gängig, dass Verwaltungsangestellte in die eigene Tasche wirtschaften. Dieser Zustand ist nach Einschätzung langjähriger Beobachter in den vergangenen fünf Jahren nicht besser, sondern schlimmer geworden. Dennoch ist Lambert Okitundu von einem Sieg Kabilas überzeugt. „Wen sollen die Menschen denn sonst wählen“, fragt er, „den Gewaltrhetoriker Tshisekedi etwa?“ Lambert Okitundi war einst Außenminister unter Laurent-Désiré Kabila, und als dieser nach seiner Ermordung von seinem Sohn Joseph beerbt wurde, diente Okitundu dem jungen Präsidenten als Kabinettschef.
Heute ist Okitundu, der sich als Sozialdemokrat bezeichnet und für einen Sitz im Parlament kandidiert, für die Ideologie der regierenden „Volkspartei für den Wiederaufbau und die Demokratie“ (PPRD) zuständig. Und er verzweifelt regelmäßig an dieser Aufgabe. „Sobald ich das Thema anschneide, stehe ich allein auf weiter Flur“, seufzt er. Es gebe in Kongo weder eine rechte politische Landschaft noch eine linke, weder liberale noch sozialdemokratische noch sozialistische Politik - und deshalb eigentlich gar keine echte Opposition. „Unser Problem ist doch, dass wir uns ideologisch überhaupt nicht unterscheiden“, sagt Okitundu. Seine Erfahrung habe ihn gelehrt, dass es in Kongo immer nur um die Macht gehe. „Keiner dieser sogenannten Oppositionellen wird es fünf Jahre in der Opposition aushalten, denn die haben kein politisches Programm, für die sich ein solches Opfer lohnen würde“, prophezeit Okitundu, „die werden um den Sieger kreisen wie die Motten um das Licht.“ Da lacht er.
zum Original Bericht
Nach einem in dieser Woche vorgelegten Bericht des britischen Parlaments hat Kongo bislang rund 5,5 Milliarden Dollar an Einnahmen verloren, weil die Führungsclique des Landes gegen Schmiergeld die wertvollen Bergbaukonzessionen verschleudert hat. Das setzt sich bis ins Kleine fort: Es ist gängig, dass Verwaltungsangestellte in die eigene Tasche wirtschaften. Dieser Zustand ist nach Einschätzung langjähriger Beobachter in den vergangenen fünf Jahren nicht besser, sondern schlimmer geworden. Dennoch ist Lambert Okitundu von einem Sieg Kabilas überzeugt. „Wen sollen die Menschen denn sonst wählen“, fragt er, „den Gewaltrhetoriker Tshisekedi etwa?“ Lambert Okitundi war einst Außenminister unter Laurent-Désiré Kabila, und als dieser nach seiner Ermordung von seinem Sohn Joseph beerbt wurde, diente Okitundu dem jungen Präsidenten als Kabinettschef.
Heute ist Okitundu, der sich als Sozialdemokrat bezeichnet und für einen Sitz im Parlament kandidiert, für die Ideologie der regierenden „Volkspartei für den Wiederaufbau und die Demokratie“ (PPRD) zuständig. Und er verzweifelt regelmäßig an dieser Aufgabe. „Sobald ich das Thema anschneide, stehe ich allein auf weiter Flur“, seufzt er. Es gebe in Kongo weder eine rechte politische Landschaft noch eine linke, weder liberale noch sozialdemokratische noch sozialistische Politik - und deshalb eigentlich gar keine echte Opposition. „Unser Problem ist doch, dass wir uns ideologisch überhaupt nicht unterscheiden“, sagt Okitundu. Seine Erfahrung habe ihn gelehrt, dass es in Kongo immer nur um die Macht gehe. „Keiner dieser sogenannten Oppositionellen wird es fünf Jahre in der Opposition aushalten, denn die haben kein politisches Programm, für die sich ein solches Opfer lohnen würde“, prophezeit Okitundu, „die werden um den Sieger kreisen wie die Motten um das Licht.“ Da lacht er.
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